Die Entscheidungen und Ereignisse der 1970er-Jahre führten zu einer ersten grundlegenden Reform der Nachkriegsordnung, auf die sich die USA und ihre westlichen Verbündeten nach dem Zweiten Weltkrieg 1944 in Bretton Woods verständigt hatten. Das Fundament dieser Ordnung waren stabile Währungen und eine gemeinsame Koordination durch internationale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. Drei Jahrzehnte später geriet dieses Gefüge aus dem Gleichgewicht. Auslöser waren u.a. die hohen Staatsausgaben der USA, die wachsenden Defizite in der Zahlungsbilanz und ein Vertrauensverlust in den US-Dollar.
Die Regierung unter Präsident Nixon reagierte mit einem fundamentalen Kurswechsel in zentralen Fragen: Geld, Handel und Energie. Gleichzeitig öffnete sie den chinesischen Markt für westliche Unternehmen – der Startschuss für die Globalisierung, die bis heute Handel, Produktion und kulturellen Austausch prägt. An der innenpolitischen Front erschüttterte der Watergate-Skandal das Vertrauen in den Präsidenten und schwächte dauerhaft die Autorität des Amtes. Das entstandene Machtvakuum füllten nichtgewählte Technokraten in Behörden, Zentralbanken und internationalen Organisationen. Die 1970er Jahre sind daher nicht nur historisch bedeutsam, sondern auch zentral für das Verständnis aktueller Herausforderungen wie wirtschaftliche Ungleichheit, Ressourcenkonflikte und die Dynamiken einer globalisierten Welt.
Die Entwicklungen der 1970er-Jahre dürfen jedoch nicht als zufällige, zusammenhanglose Ereignisse verstanden werden. Vielmehr waren sie das Ergebnis strategischer Entscheidungen, die in den politischen und wirtschaftlichen Führungszentren in Washington, London, Paris und Bonn getroffen wurden – manche offen, andere in diskreten oder geheimen Gremien, nicht immer demokratisch legitimiert, aber folgenreich und dauerhaft wirksam.
Inhalt:
- Nixon-Schock 1971: Das Ende des Bretton-Woods-Systems
- Entstehung und Bedeutung des Petrodollar-Systems
- Nixon/Kissinger: Öffnung Chinas und der Beginn der Globalisierung
- Der Watergate-Skandal und seine Auswirkungen auf westliche Demokratien
- Geburt und Aufstieg der Technokraten
- Die Ölkrisen der 1970er und die Rolle der OPEC
- Inflation und wirtschaftliche Abhängigkeit von Öl
- Die 1970er und der Aufstieg neoliberaler Regierungen
- Architekten der Neuordnung: Die politischen Akteure der 1970er
- Verschiebung wirtschaftlicher Machtverhältnisse weltweit
1. Nixon-Schock 1971: Das Ende des Bretton-Woods-Systems
Der Nixon-Schock vom 15. August 1971 war ein Paradigmenwechsel in der internationalen Währungsordnung. Mit einem Federstrich beendete Richard Nixon als Präsident der USA die Aufhebung der Goldbindung des US-Dollars. Das Bretton-Woods-System war damit erledigt – eine zentrale Grundlage der bis dahin bestehenden Nachkriegsordnung, auf die sich die westlichen Siegermächte 1944 verständigt hatten, um Wechselkurse zu stabilisieren und das Vertrauen in fremde Währungen zu sichern. Der US-Dollar behielt zwar seinen Status als Leitwährung, nun aber ohne materielle Deckung. Es war die Geburt des globalen Fiat-Währungssystems, in dem der Wert der Währungen nicht auf Edelmetallen basiert, sondern schlicht auf Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Staaten. Diese Entscheidung stärkte kurzfristig die US-Wirtschaft, schwächte aber dauerhaft die Macht und Souveränität nationaler Regierungen und Parlamente im Verhältnis zu internationalen Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und den großen Zentralbanken.
Der Hintergrund: Die USA hatten sich insbesondere während des Vietnamkriegs finanziell übernommen. Steigende Haushaltsdefizite zur Finanzierung des Krieges und innenpolitischer Programme führten zu einem massiven Anstieg der Geldmenge. Mehrere europäische Länder, allen voran Frankreich, begannen, ihre Dollarbestände in Gold umzutauschen. Die Goldreserven der USA in Fort Knox reichten jedoch längst nicht mehr aus, um die Goldbindung des Dollars aufrechtzuerhalten. Die Währungskrise 1971 war absehbar und Nixon zog auf Anraten seiner Berater die Notbremse. Er erklärte den „temporären“ Ausstieg aus dem Goldstandard. De facto war die Entscheidung jedoch nicht mehr umkehrbar.
Seitdem sind die Wechselkurse flexibel, die Währungen unbesichert und die Geldmenge nicht mehr durch reale Werte gedeckelt. Dieser Wechsel ermöglichte zwar neue Formen der Staatsverschuldung, erhöhte aber auch die Abhängigkeit der westlichen Industrieländer von der Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Es war der erste Schritt, nationale Souveränität über die Währungspolitik – gewollt oder nicht – auf die Träger und Akteure eines globalen Finanzsystems zu übertragen.
2. Entstehung und Bedeutung des Petrodollar-Systems
Als direkte Reaktion auf das Ende des Bretton-Woods-Systems im August 1971 entwickelte die Nixon-Regierung mit Saudi-Arabien die Grundpfeiler des späteren Petrodollar-Systems, das die Dominanz des US-Dollars als Leit- und Reservewährung sichern sollte. Die zentrale Idee war einfach: Wenn der Dollar nicht mehr durch Gold gedeckt ist, muss seine weltweite Nachfrage anders abgesichert werden. Die Lösung lautete Öl. Dazu intensivierten die USA ihre Allianz mit Saudi-Arabien, die in den 1930er-Jahren begonnen hatte. Die Strategie: Saudi-Arabien verkauft sein Öl ausschließlich in US-Dollar, investiert einen großen Teil der Einnahmen in US-Staatsanleihen und erhält dafür politische Rückendeckung und militärische Unterstützung. Andere OPEC-Staaten folgten diesem Modell, das allerdings nie in einem förmlichen Abkommen schriftlich fixiert wurde.
Der Effekt war weitreichend. Mit der Bindung von Öl an den US-Dollar stieg die globale Nachfrage nach der US-Währung – ganz unabhängig von der Wirtschaftsleistung der USA und dem Bedarf an amerikanischen Gütern oder Dienstleistungen. Jeder Staat, der Öl importieren wollte, musste sich über die Finanzmärkte Dollar beschaffen. Das sicherte dem US-Dollar seine Rolle als globale Reservewährung, trotz Beendigung des Goldstandards. Das sogenannte Petrodollar-Recycling in US-Staatsanleihen verstärkte diesen Effekt: Überschüssige Dollar aus dem Ölgeschäft flossen über Staatsfonds, Banken und Investmentgesellschaften zurück in die Finanzmärkte der USA oder wurden zur Kreditvergabe an andere Länder genutzt.
Die geopolitische Tragweite dieser Entscheidung kann man nicht überschätzen und ist bis heute spürbar. Die Rolle des Dollars stärkte die Position der USA im Nahen Osten, machte sie aber auch abhängig von der Stabilität und Sicherheit Saudi-Arabiens und der Beziehungen zu den anderen OPEC-Staaten. Daher sehen Kritiker im Petrodollar-System nicht nur ein geopolitisches Machtinstrument, sondern auch einen der Gründe für militärische Interventionen im Nahen Osten und eine verdeckte Form globaler Umverteilung zugunsten der US-Wirtschaft. Über Jahrzehnte konnten die USA neue Schulden aufnehmen, ohne dass der Wert des Dollars unter Druck geriet.
3. Nixon/Kissinger: Öffnung Chinas und der Beginn der Globalisierung
Als US-Präsident Nixon 1972 nach Peking reiste, war das ein diplomatischer Paukenschlag und strategischer Richtungswechsel mit weitreichenden Folgen, die bis heute nachwirken. Die Volksrepublik China war damals international isoliert, wirtschaftlich rückständig und politisch im Streit mit der Sowjetunion. Für die Nixon-Regierung und den Sicherheitsberater Henry Kissinger war das der Ansatzpunkt für seine China-Strategie: China im Kalten Krieg als Gegengewicht zur Sowjetunion zu gewinnen, eine Annäherung zwischen den USA und China und gleichzeitig die Türe zu einem riesigen Markt zu öffnen.
Zunächst ging es um Geopolitik. Die USA wollten ihren Einfluss in Asien absichern und gleichzeitig Druck von der östlichen Flanke der UdSSR nehmen. Doch die Annäherung zwischen USA und China war das Fundament, auf dem der wirtschaftliche Wandel Chinas und die Globalisierung in den folgenden Jahrzehnten aufbaute. Die wirtschaftliche Öffnung Chinas begann offiziell erst Ende der 1970er-Jahre unter Deng Xiaoping, aber ohne das Signal aus Washington wäre dieser Prozess vermutlich anders verlaufen. Die amerikanische Anerkennung verlieh der Regierung in Peking außenpolitische Legitimität und ebnete den Weg für Investitionen, Technologietransfer und den schrittweisen Aufbau eines exportorientierten Industriesektors. Westliche Unternehmen sahen in China nicht nur einen Absatzmarkt, sondern vor allem als idealen Produktionsstandort mit niedrigen Löhnen, planbarer Verwaltung und staatlich gelenkten Strukturen. Die Globalisierung nahm Fahrt auf – nicht über Theorien und Ideologien, sondern über Lieferketten, Fabriken und Standortverlagerungen.
4. Der Watergate-Skandal und seine Auswirkungen auf westliche Demokatien
Der Watergate-Skandal von 1972 bis 1974 beendete nicht nur die Präsidentschaft von Richard Nixon, sondern führte auch zu einem dauerhaften Vertrauensverlust in das Amt des Präsidenten und in staatliche Institutionen. Nixons Rücktritt am 9. August 1974 hinterließ ein politisches Machtvakuum, das andere Institutionen nutzten, um ihren Einfluss auszubauen. Der US-Kongress reagierte mit einer Reihe gesetzlicher Maßnahmen zur Begrenzung der Exekutive: Der War Powers Resolution Act von 1973 zur Einschränkung militärischer Alleingänge des Präsidenten, der Congressional Budget and Impoundment Control Act von 1974 zur Begrenzung des Haushaltsrechts des Weißen Hauses, und der Inspector General Act von 1978 zur Schaffung unabhängiger Kontrollinstanzen innerhalb der Exekutive.
Parallel dazu verlagerte sich ein zunehmender Teil politischer Auseinandersetzungen in die Gerichte, die sich zu entscheidenden Schauplätzen für politische und verwaltungstechnische Fragen entwickelten. Viele Konflikte, die früher politisch gelöst wurden, landeten nun vor Bundesgerichten. Dieser Trend führte zu einer Stärkung der Judikative auf Kosten der Exekutive. Die Konsequenz war eine Art „Verrechtlichung“ politischer Entscheidungen, was die Steuerungsfähigkeit westlicher Demokratien zunehmend einschränkte.
Die Nachwirkungen des Watergate-Skandals schlugen hohe Wellen, die sich bis nach Westeuropa fortsetzten. In Großbritannien, Frankreich und West-Deutschland begannen Medienhäuser und Journalisten, sich stärker als Vierte Gewalt zu definieren. Die Redaktionen großer Zeitungsverlage erhielten mehr Rückendeckung bei der Recherche für Berichte gegen Regierungen. In Westdeutschland wurde die Kontrollfunktion des Bundestags neu bewertet, nicht zuletzt im Zuge der Flick-Affäre wenige Jahre später.
Der Rücktritt eines amerikanischen Präsidenten unter öffentlichem Druck war weltweit sichtbar und hatte enorme symbolische Wirkung. Der Gedanke, dass ein Staatsoberhaupt nicht über dem Gesetz steht, war in vielen Staaten neu. Watergate beschleunigte damit indirekt eine Entwicklung: mehr Transparenz, stärkere Öffentlichkeit, wachsender juristischer Zugriff auf politische Entscheidungen. Das Verhältnis zwischen Politik, Justiz und Medien wurde vielerorts neu austariert, nicht durch rechtliche Vorgaben, sondern durch Erwartungen in der Öffentlichkeit. Das Overton-Fenster wurde weit aufgerissen.
5. Geburt und Aufstieg der Technokraten
Der Aufstieg der Technokraten ist keine Verschwörungstheorie, sondern es war die Reaktion auf eine politische Realität, in der Parteien kaum noch Antworten auf ökonomische oder geopolitische Fragen fanden. Gemeint ist nicht Herrschaft durch Maschinen, sondern die wachsende Rolle nichtgewählter Beamten, Funktionäre und Zentralbanker bei politischen Entscheidungen, meist außerhalb parlamentarischer Kontrolle. Wer nicht gewählt ist, kann schwer abgewählt werden. Wer für alles zuständig ist, wird am Ende für nichts verantwortlich gemacht. Seit den 1970er-Jahren hat dieser Trend demokratische Strukturen ausgehöhlt.
Inzwischen sprechen wir von einer Postdemokratie, wo demokratische Strukturen und Institutionen nach außen mehr oder weniger stabil erscheinen, aber Entscheidungen auf immer höherer Ebene und zunehmend von Bürokraten ohne demokratische Legitimation getroffen werden: in Zentralbanken, Aufsichtsbehörden oder supranationalen Gremien. Gleichzeitig entstanden Netzwerke von Lobbyisten, die zunehmend Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen: in Washington, Brüssel, Paris oder London; bei der UNO, OECD, Weltbank oder im Internationalen Währungsfonds.
Die politische Steuerung verlagerte sich zunehmend in informelle Ausschüsse, Fachgremien und Verwaltungsapparate. Sie setzten Regeln, kontrollierten Märkte und greifen tief in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben ein.
6. Die Ölkrisen der 1970er und die Rolle der OPEC
Die Ölkrisen der 1970er-Jahre waren kein zufälliges Ereignis, sondern der Beginn einer geopolitischen Machtverschiebung, die bis heute nachwirkt. Die OPEC, gegründet 1960 von Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela, entwickelte sich zum zentralen Akteur in dieser Entwicklung. Der Einfluss der beteiligten Ölstaaten wuchs rapide, als sie erkannten, dass Öl nicht nur ein begehrter Rohstoff ist, sondern auch ein politisches Druckmittel.
Die erste große Machtdemonstration erfolgte 1973 während des Jom-Kippur-Kriegs. Einige arabische OPEC-Staaten verhängten ein Ölembargo gegen die USA und andere Unterstützer Israels im Westen, insbesondere in Europa. Die Folge war die Ölkrise 1973, ausgelöst durch einen sprunghaften Anstieg des Ölpreises von rund 3 auf über 12 US-Dollar pro Barrel innerhalb eines Jahres. Die westlichen Industriestaaten rutschten in eine schwere Wirtschaftskrise, gekennzeichnet durch Stagflation mit hoher Inflation und wirtschaftlichem Stillstand.
Der zweite Ölpreis-Schock folgte 1979, ausgelöst durch die Islamische Revolution im Iran und den Einbruch der dortigen Ölproduktion. Auch diesmal vervielfachten sich die Preise für das Barrel Öl innerhalb kurzer Zeit. Besonders betroffen war Europa, das zu dieser Zeit stark vom Ölimport aus dem Nahen Osten abhängig war. Die Regierung in Deutschland führte autofreie Sonntage ein und in den USA diskutierte man erstmals über Energieeffizienz und nationale Reserven.
Die OPEC nutzte ihre geopolitische Rolle und Macht geschickt aus, verlor sie aber schrittweise wieder, als neue Förderländer hinzukamen, vor allem rund um die Nordsee, in Mexiko und Alaska. Trotzdem bleibt die OPEC bis heute ein relevanter Faktor im globalen Energiemarkt. Die Ölkrisen haben Regierungen und Bevölkerung gelehrt, dass Energieversorgung nicht nur eine technische, sondern auch eine sicherheitspolitische Frage ist.
7. Inflation und wirtschaftliche Abhängigkeit von Öl
Die Ölkrisen der 1970er haben eine Schwäche der westlichen Industriestaaten offengelegt, die vorher kaum jemand ernst genommen hatte: die wirtschaftliche Abhängigkeit von billiger Energie. Der erste Ölpreis-Schock 1973 wirkte sich nicht nur auf die Heizkosten und das Autofahren aus, sondern vor allem auf die Produktionskosten ganzer Volkswirtschaften. Innerhalb kurzer Zeit vervierfachte sich der Preis pro Barrel Öl. Die Folge war eine Stagflation, die sich durch nahezu alle Sektoren zog – vom Baugewerbe bis zur Lebensmittelproduktion.
In den USA lag die Inflation 1974 bei über 11 %, in Großbritannien zeitweise sogar bei über 20 %. Auch die Bundesrepublik, die damals noch als Musterbeispiel für Preisstabilität galt, rutschte in eine Phase deutlich steigender Teuerungsraten. Das Problem: Die hohen Preissteigerungen durch Öl wirkten wie eine unsichtbare Steuer auf alles, was produziert, transportiert oder beheizt werden musste. Und alle waren gleichzeitig betroffen – Unternehmen, Verbraucher und Staatshaushalte. Eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale setzte sich in Gang.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie verletzlich das bestehende Wirtschaftsmodell war. Die Globalisierung war noch nicht in vollem Gange, aber viele westliche Länder hatten ihre wirtschaftliche Dynamik auf Industrieproduktion, Export und einen wachstumsgetriebenen Binnenkonsum aufgebaut – alles stark abhängig vom Zugang zu günstiger Energie. Der Ölpreis-Schock führte zu einem Umdenken, allerdings mit unterschiedlicher Stoßrichtung: Während einige Länder auf Energieeffizienz, Atomkraft und strategische Reserven setzten, versuchten andere, den Preis durch neue Lieferländer oder politische Abkommen zu drücken.
Was bleibt: Die Erfahrung, dass der Ölpreis keine rein marktwirtschaftliche Größe ist, sondern geopolitisch verhandelt und eingesetzt werden kann. Die Inflation der 1970er war nicht einfach hausgemacht oder Folge schlechter Geldpolitik, sondern ein Symptom struktureller Abhängigkeit. Und ein Warnsignal, das viele bis heute nicht verstanden haben.
8. Die 1970er und der Aufstieg neoliberaler Regierungen
Die 1970er-Jahre legten die Schwächen der westlichen Industrieländer gnadenlos offen und hinterließen eine Mischung aus Ratlosigkeit, Vertrauenskrise und Reformdruck: Ölkrisen, zweistellige Inflationsraten, stagnierendes Wachstum, steigende Arbeitslosigkeit. Klassische Modelle wie der Keynesianismus oder staatliche Nachfrageprogramme schienen ihre Wirkung verloren zu haben. In dieser Gemengelage begann der Aufstieg neoliberaler Ideen, die später unter dem Schlagwort „Thatcherismus“ oder „Reaganomics“ bekannt wurden. Der Neoliberalismus, ursprünglich als Denkschule zur Erneuerung marktwirtschaftlicher Prinzipien gedacht, entwickelte sich nun zur politischen Leitlinie: weniger Staat, weniger Regulierung, mehr Eigenverantwortung und Vertrauen in Angebot und Wettbewerb.
Die britische Premierministerin Margareth Thatcher setzte das Programm kompromisslos durch: Entmachtung der Gewerkschaften, Privatisierung staatlicher Unternehmen, Kürzungen im Sozialbereich. In den USA verfolgte Präsident Ronald Reagan eine ähnliche Linie: massive Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche, eine aktive Angebotspolitik, Deregulierung des Finanzmarkts und der Versuch, die staatliche Rolle auf Sicherheit und Ordnung zu beschränken. Beide Regierungen war mit dem Versprechen angetreten, den Einfluss des Staates dauerhaft zurückzudrängen. Das Ziel war, die Wirtschaft wieder „anzukurbeln“ – auch um den Vertrauensverlust nach Jahren der Stagflation wettzumachen.
Die wirtschaftsliberale Wende wirkte weit über die 1980er-Jahre hinaus. Der sogenannte Washington Consensus diente als Vorbild für wirtschaftspolitische Reformen in aller Welt – zunächst in Lateinamerika, dann in Osteuropa und Afrika. Weltbank und IWF knüpften ihre Kredite an Bedingungen wie Privatisierung staatlicher Unternehmen, Öffnung für ausländisches Kapital, Liberalisierung des Handels und strikte Haushaltsdisziplin. Was in London und Washington begann, entwickelte sich zur globalen Norm.
9. Architekten der Neuordnung: Die politischen Akteure der 1970er
Die 1970er-Jahre markierten eine tektonische Verschiebung der globalen Machtverhältnisse. Mit der Gründung der OPEC betrat ein neuer Akteur die Bühne der Weltpolitik, während hinter den Kulissen einflussreiche Politiker und Berater den Umbau der Nachkriegsordnung gestalteten.
Nach außen übernahm US-Präsident Richard Nixon die Rolle des Vollstreckers. Einerseits musste er unter massivem innen- und außenpolitischem Druck auf diverse Krisen reagieren – Handelsbilanzdefizite, Vietnamkrieg, Watergate-Skandal. Andererseits war er derjenige, der zentrale Entscheidungen öffentlich verkündete. Doch selten waren sie originär seine Idee.
Einer der führenden strategischen Denker war Henry Kissinger, der zunächst als Sicherheitsberater, später als Außenminister. Er dachte in Machtachsen, nicht in Ideologien. Die diplomatische Öffnung gegenüber China, der strategische Ausbau der Beziehungen zu Saudi-Arabien, die Koordination mit der OPEC – all das folgte seiner Logik der Realpolitik. Dass Öl bis heute weltweit in Dollar fakturiert wird, war Teil eines größeren Plans, an dem er entscheidend mitgewirkt hat.
John Connally, Finanzminister von 1971 bis 1972, war ebenfalls einer dieser Architekten. Sein Ziel war die Entkopplung des US-Dollars vom Gold zulasten der Handelspartner. Sein Motto: „The dollar is our currency, but it’s your problem“. William Simon, Ex-Wall-Street-Banker, später Finanzminister, war der zentrale Mann für die Umsetzung. 1974 verhandelte er mit den Saudis die technischen Details des Petrodollar-Systems. Sein Verhandlungspartner: Ahmed Zaki Yamani, der einflussreiche saudische Ölminister.
Europa war in dieser Phase weitgehend Zuschauer. Aus London, Paris oder Bonn kam kein eigener Impuls. Man reagierte auf Preisexplosionen, Währungsturbulenzen und eine US-Außenpolitik, die eigene Wege ging.
10. Verschiebung der Machtverhältnisse weltweit
Hinter den Kulissen waren die 1970er-Jahre eine Zeit nachhaltiger Machtverschiebungen, die bis heute nachwirken. Besonders betroffen war das Amt des US-Präsidenten, das durch den Watergate-Skandal und den Vietnamkrieg spürbar geschwächt wurde. Parallel dazu gewannen nichtgewählte Behörden an Einfluss: Die Federal Reserve, die neu gegründete Environmental Protection Agency (EPA) oder die Securities and Exchange Commission (SEC) agierten zunehmend eigenständig. Entscheidungen, die früher im Weißen Haus fielen, wurden auf Expertenkommissionen oder unabhängigen Aufsichtsstellen übertragen.
Auf internationaler Ebene gerieten die westlichen Industriestaaten durch die Ölkrisen 1973 und 1979 unvorbereitet stark unter Druck. Innerhalb weniger Monate vervielfachte sich der Ölpreis. Länder wie Saudi-Arabien oder Kuwait gewannen dadurch nicht nur Einnahmen, sondern geopolitischen Einfluss. Mit der strukturellen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und billiger Energie hatte die OPEC einen Hebel gefunden, das Machtgefüge zu ihren Gunsten zu verschieben. Insbesondere die Mitgliedsländer der OPEC wie Saudi-Arabien traten plötzlich selbstbewusst auf dem Weltmarkt auf.
Auch auf institutioneller Ebene veränderten sich die bestehenden Machtverhältnisse: Während die Regierungen der Nationalstaaten an Handlungsspielraum verloren, haben internationale Organisationen wie der IWF, die Weltbank oder das GATT (heute WTO) an Bedeutung gewonnen. Entscheidungen über Währungs- und Zinspolitik oder Handel verlagerten sich aus den demokratisch legitimierten Parlamenten in Gremien mit geringer öffentlicher Transparenz und Kontrolle. Im Ergebnis formierte sich still und leise ein Machtblock, bestehend aus Technokraten, Think Tanks und Beratergremien. Sie müssen sich vor keinem Wähler legitimieren oder verantworten, aber sie sitzen am Tisch, wenn es darauf ankommt. Politische Entscheidungen mit enormer Tragweite werden nicht mehr nur in Parlamenten getroffen, sondern zunehmend und systematisch außerhalb des öffentlichen Raums in geschlossenen Zirkeln.
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