Wird ein Land reich, weil es handelt, oder weil es erobert? Die Frage klingt nach Geschichtsunterricht, ist aber hochaktuell. Zölle, Sanktionen, unsichere Seewege und neue Bündnisse bestimmen die Nachrichten, und viele Unternehmer spüren die Folgen unmittelbar in ihren Einkaufspreisen, Lieferzeiten und Absatzmärkten. Hinter all dem steht ein Grundsatzstreit darüber, woher Macht und Wohlstand eigentlich kommen.
Die amerikanische Historikerin Sarah C. M. Paine hat diesen Streit in einem einprägsamen Modell zusammengefasst: Land gegen Meer, Eroberung gegen Handel. Gestern habe ich ihre Unterscheidung zwischen militärischem Erfolg und strategischem Ergebnis vorgestellt. Heute geht es um ihr Bild der Weltordnung, um die Frage, was davon trägt, wo es zu einfach ist, und was mittelständische Unternehmen daraus für ihre Lieferketten, Märkte und Standorte ableiten können.
Inhalt
- Land oder Meer: Paines zwei Machtmodelle
- Regeln als wirtschaftliche Infrastruktur
- Krieg als Wertvernichtung
- Kleine Unterschiede, große Wirkung: der Zinseszinseffekt
- Die Lehre der 1930er Jahre: Smoot-Hawley
- Die Antwort nach 1945: Institutionen für den Handel
- Mittelmächte und Europa: Diversifizierung statt Lagerdenken
- Was das für den Mittelstand bedeutet
- Einordnung und Grenzen
- Fazit: Handel ist die bessere Wette, aber keine Garantie
1. Land oder Meer: Paines zwei Machtmodelle
Sarah Paine hat seit dem Jahr 2000 Strategie am U.S. Naval War College gelehrt und ist dort nach eigener Darstellung emeritierte Professorin für Geschichte und Grand Strategy. Ihr Modell hat sie zuletzt in der Zeitschrift Foreign Affairs ausgeführt, im Aufsatz „By Land or by Sea“ vom August 2025, und Ende Oktober 2026 im Podcast „The Diary Of A CEO“ noch einmal zugespitzt.
Paine unterscheidet zwei Weltsichten. In der kontinentalen Welt ist Land die Währung der Macht. Staaten mit vielen Nachbarn sehen diese vor allem als Gegner, stecken ihre Mittel in das Militär, sichern Grenzen und suchen Einflusszonen. Nach Paines These führt das zu Kriegen, die Wohlstand vernichten, und zu autoritärer Herrschaft im Inneren, weil militärische Bedürfnisse Vorrang vor zivilen erhalten.
Seemächte dagegen sind durch das Meer vor Invasionen relativ geschützt. Sie sehen nach Paine nicht Territorium, sondern Geld als Quelle der Macht und mehren ihren Wohlstand durch Handel und Industrie. Nachbarn gelten ihnen als Handelspartner. Paine beschreibt das als „unendliches Spiel“ gegenseitig vorteilhafter Geschäfte, im Gegensatz zum „endlichen Spiel“ der Eroberung, in dem der Gewinner alles nimmt. Als Ahnen dieser Tradition nennt sie das antike Athen und die Niederländische Republik, aus der Hugo Grotius stammte, einer der Begründer des Völkerrechts.
2. Regeln als wirtschaftliche Infrastruktur
Der interessanteste Gedanke in Paines Modell betrifft die Regeln. Handel funktioniert nur, wenn Waren sicher ankommen, Verträge gelten und Streit nach festen Verfahren entschieden wird. Seemächte haben deshalb nach ihrer Darstellung seit dem Zweiten Weltkrieg Institutionen geschaffen, die Transaktionskosten senken, und ihre Marinen und Küstenwachen koordiniert, um Piraterie zu bekämpfen. So sei eine regelbasierte Ordnung mit vielen Mitgliedern entstanden, die diese Regeln gemeinsam durchsetzen.
Man kann diese Regeln als Infrastruktur verstehen, ähnlich wie Straßen oder Stromnetze. Niemand bemerkt sie, solange sie funktionieren. Ein Unternehmen, das nach Asien exportiert, verlässt sich darauf, dass Zölle vorhersehbar sind, dass Schiffe nicht gekapert werden und dass ein Vertrag auch in einem fremden Land etwas wert ist. Fällt diese Infrastruktur aus, steigen die Kosten für alle, und zwar oft schneller, als neue Wege gefunden werden.
3. Krieg als Wertvernichtung
Aus ökonomischer Sicht ist Krieg vor allem eines: die Zerstörung von Werten. Fabriken, Häfen und Wohnungen gehen verloren, Menschen sterben oder fliehen, und Kapital, das in Waffen fließt, fehlt für Maschinen, Bildung und Forschung. Hinzu kommen die Opportunitätskosten, also all das, was ohne den Konflikt hätte entstehen können. Sie tauchen in keiner Statistik auf, sind aber oft größer als die sichtbaren Schäden.
Paine spricht in diesem Zusammenhang von Kriegen, die Wohlstand vernichten. Zugespitzt lässt sich ihr Gedanke so fassen: Wer erobert, gewinnt vielleicht Fläche, verliert aber Handelspartner, Vertrauen und Zeit. Wer handelt, gewinnt dagegen jedes Jahr ein wenig dazu. Wie sehr militärische Erfolge und strategische Ergebnisse auseinanderfallen können, habe ich gestern im Beitrag „Einen Krieg gewinnen und trotzdem scheitern“ beschrieben.
4. Kleine Unterschiede, große Wirkung: der Zinseszinseffekt
Warum ein wenig mehr Wachstum so viel ausmacht, zeigt eine einfache Rechnung. Wächst eine Volkswirtschaft um 1 Prozent im Jahr, verdoppelt sich ihre Wirtschaftsleistung nach rund 70 Jahren. Bei 3 Prozent dauert es nur rund 23 Jahre. Als Faustregel teilt man 70 durch die Wachstumsrate in Prozent. Genau gerechnet sind es 69,7 Jahre bei 1 Prozent und 23,4 Jahre bei 3 Prozent.
Über längere Zeiträume wird der Abstand dramatisch. Nach 70 Jahren hat sich die Wirtschaft mit 1 Prozent Wachstum verdoppelt, die mit 3 Prozent fast verachtfacht, genau um das 7,9-Fache. Ein Unterschied von zwei Prozentpunkten, der in einem einzelnen Jahr kaum auffällt, entscheidet über Generationen hinweg darüber, ob ein Land arm oder reich ist.
Für Paine ist das der Kern des maritimen Modells: Handel lässt Wohlstand wie Zinseszins wachsen, Krieg unterbricht diese Kette und setzt sie im schlimmsten Fall auf null. Unternehmer kennen den Mechanismus aus der eigenen Bilanz. Eine dauerhaft um zwei Prozentpunkte höhere Rendite verändert den Wert eines Unternehmens über Jahrzehnte grundlegend.
5. Die Lehre der 1930er Jahre: Smoot-Hawley
Das bekannteste historische Beispiel für die Kosten von Abschottung ist der amerikanische Tariff Act von 1930, nach seinen Initiatoren Smoot-Hawley-Zoll genannt. Ursprünglich sollte er Landwirten helfen, die unter fallenden Preisen litten. Im Gesetzgebungsverfahren meldeten aber immer mehr Branchen eigene Wünsche an, sodass am Ende Zölle in fast allen Bereichen stiegen. So schildert es das Office of the Historian des US-Außenministeriums.
Die Folgen waren erheblich, aber nicht allein dem Zoll geschuldet. Die Importe der USA aus Europa sanken nach derselben Quelle von 1.334 Millionen Dollar im Jahr 1929 auf 390 Millionen Dollar im Jahr 1932, der Welthandel ging zwischen 1929 und 1934 um rund 66 Prozent zurück. Viele Länder griffen in diesen Jahren selbst zu hohen Zöllen, Abwertungen und Handelsblöcken. Gleichzeitig herrschte die Weltwirtschaftskrise, und sinkende Einkommen hätten den Handel auch ohne Zoll schrumpfen lassen.
Wie groß der Anteil des Zolls war, ist umstritten. Der Ökonom Douglas Irwin kommt in einer Studie für das National Bureau of Economic Research zu dem Ergebnis, dass Smoot-Hawley die US-Importe für sich genommen um 4 bis 8 Prozent verringerte. Zusammen mit der Deflation, die die Wirkung fester Zollbeträge verstärkte, erklärt er knapp ein Viertel des Importrückgangs von über 40 Prozent. Der Zoll hat die Weltwirtschaftskrise also nicht ausgelöst. Er wurde aber zum Symbol einer Politik, bei der jedes Land sich auf Kosten der anderen zu schützen versuchte und am Ende alle verloren.
6. Die Antwort nach 1945: Institutionen für den Handel
Die Regierungen zogen aus den 1930er Jahren eine klare Lehre. Hohe Zölle, Abwertungswettläufe und abgeschottete Blöcke hatten die Lage verschärft, ohne die Wirtschaft zu retten. Daraus entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Weltordnung. Auf der Konferenz von Bretton Woods im Juli 1944 wurden der Internationale Währungsfonds und die Weltbank gegründet, im Oktober 1947 folgte in Genf das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT.
Das GATT war eigentlich als Übergangslösung gedacht und regelte doch von 1948 bis 1994 einen großen Teil des Welthandels. Nach Darstellung der Welthandelsorganisation brachte schon die erste Verhandlungsrunde 45.000 Zollzugeständnisse. In mehreren Runden wurden die Zölle weiter gesenkt, bis am 1. Januar 1995 die WTO entstand. Für Paine sind diese Institutionen der Kern der maritimen Ordnung: gemeinsame Regeln, die viele Staaten zusammen durchsetzen und die alle Beteiligten schützen.
7. Mittelmächte und Europa: Diversifizierung statt Lagerdenken
Wenn große Mächte ihre Interessen härter durchsetzen, geraten mittlere Mächte unter Druck. Länder wie Deutschland, Japan, Kanada oder Südkorea sind immer noch stark exportorientiert und auf offene Märkte angewiesen. Für sie bietet sich vor allem eine Strategie an: Abhängigkeiten von einzelnen Partnern verringern, neue Handelsabkommen schließen und untereinander enger zusammenarbeiten.
Für Europa stellt sich die Frage nach mehr Eigenständigkeit. Paine geht im Gespräch auch darauf ein, warum Europas Wirtschaft unter Druck steht. Eine nüchterne Bestandsaufnahme liefert der Bericht von Mario Draghi zur Wettbewerbsfähigkeit der EU, den die Europäische Kommission in Auftrag gegeben hat. Als Hintergrund nennt die Kommission nachlassende Produktivität, demografische Probleme, steigende Energiekosten und wachsenden globalen Wettbewerb, alles Dinge, zu denen sie selbst maßgeblich beigetragen hat. Eigenständigkeit heißt in diesem Sinn nicht Abschottung, sondern die Fähigkeit, im Welthandel aus eigener Stärke mitzuspielen.
Doch ist Europa überhaupt noch in der Lage, diese Eigenständigkeit zu erreichen? Die Zweifel sind berechtigt. Hohe Energiepreise, überbordende Bürokratie, zunehmende Regulierung und eine schwache Innovationsdynamik bremsen die wirtschaftliche Entwicklung. Viele dieser Probleme hat die EU durch eigene politische Entscheidungen verschärft. Während die USA und China ihre wirtschaftlichen und technologischen Interessen konsequent verfolgen, verliert sich Europa häufig in politischen Zielkonflikten und nationalen Einzelinteressen. Der Anspruch auf strategische Autonomie steht damit im Widerspruch zu wachsenden Abhängigkeiten bei Energie, Rohstoffen, Technologie und Sicherheit. Ohne grundlegende wirtschaftliche und politische Reformen droht Europa, die neue Weltordnung nicht mitzugestalten, sondern sich ihr anpassen zu müssen.
8. Was das für den Mittelstand bedeutet
Eine Weltordnung ändert sich nicht über Nacht, aber ihre Folgen kommen bei Unternehmen sehr konkret an. Aus Paines Modell lassen sich einige Prüfaufträge ableiten, die keine Prognose voraussetzen:
- Lieferketten: Welche Vorprodukte kommen nur aus einem Land oder von einem Lieferanten? Gibt es eine zweite Bezugsquelle, und was kostet sie?
- Abhängigkeiten: Wie viel Umsatz hängt an einem einzigen Exportmarkt oder Großkunden? Was passiert, wenn dieser Markt durch Zölle oder Sanktionen ausfällt?
- Zölle: Erlauben die Verträge, Zollerhöhungen weiterzugeben? Sind Lieferbedingungen und Preisklauseln darauf vorbereitet?
- Energie: Wie stark reagieren die Kosten auf Preisschocks bei Öl, Gas und Strom? Lässt sich ein Teil durch langfristige Verträge oder Eigenerzeugung absichern?
- Standort: Passt der Standort noch zu Märkten, Fachkräften, Energiepreisen und Steuerlast, oder lohnt ein zweites Standbein?
Solche Fragen gehören in ein systematisches Risikomanagement, das Risiken erkennt, bewertet und Gegenmaßnahmen festlegt. Wer über Standorte nachdenkt, findet einen Überblick über harte und weiche Standortfaktoren. Wie sich Energiepreise, Bürokratie und geopolitische Risiken auf den Wirtschaftsstandort Deutschland auswirken, beschreibt ein weiterer Beitrag, und ein Blick auf die Unternehmenssteuern im internationalen Vergleich gehört zu jeder Standortentscheidung dazu.
Die wichtigste Lehre ist dabei die des Zinseszinses. Diversifizierung kostet Geld, und sie lohnt sich in keinem einzelnen Jahr. Sie zahlt sich aus, wenn eine Krise eintritt und das Unternehmen weiterarbeiten kann, während andere stillstehen. Robustheit ist damit kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass Wachstum über viele Jahre ungestört wirken kann.
9. Einordnung und Grenzen
Paines Modell ist ein Denkwerkzeug, kein Naturgesetz. Historisch lassen sich Land- und Seemächte nicht sauber trennen. Großbritannien war Handelsnation und zugleich Kolonialmacht, die große Gebiete mit Gewalt erwarb. Die USA dehnten sich im 19. Jahrhundert über einen ganzen Kontinent aus. Japan, eine Inselnation, deren Expansionspolitik Paine selbst erforscht hat, setzte in den 1930er und 1940er Jahren auf Eroberung. Umgekehrt ist Deutschland ein klassischer Kontinentalstaat, der nach 1945 vor allem durch Handel wohlhabend wurde.
Auch die Geografie erklärt nicht alles. Ob ein Land auf Handel oder Eroberung setzt, hängt ebenso von seinen Institutionen, seiner Geschichte und seinen Regierungen ab. Zudem hat freier Handel Verlierer, etwa Regionen, deren Industrie abwandert. Wer das übersieht, versteht nicht, warum Schutzzölle politisch immer wieder Zustimmung finden.
Schließlich sind manche Aussagen Paines im Podcast ausdrücklich Einschätzungen zur aktuellen Politik, etwa ihre Warnung, abrupte Zollerhöhungen und die Abkehr von Bündnissen beschleunigten die Inflation und kosteten Einfluss. Diese Bewertungen gebe ich als ihre Auffassung wieder, ohne sie mir zu eigen zu machen. Weitere Beiträge zur Einordnung internationaler Entwicklungen finden Sie auf meiner Themenseite Geopolitik.
10. Fazit: Handel ist die bessere Wette, aber keine Garantie
Paines Modell lenkt den Blick auf eine einfache, aber oft vergessene Tatsache: Wohlstand entsteht über lange Zeiträume durch viele kleine Vorteile, die sich aufsummieren. Krieg und Abschottung unterbrechen diesen Prozess, offene Märkte und verlässliche Regeln tragen ihn. Die Geschichte der 1930er Jahre und der Nachkriegszeit stützt diese Sicht, auch wenn die Wirklichkeit vielschichtiger ist als jedes Modell.
Für Unternehmer folgt daraus kein politisches Bekenntnis, sondern eine praktische Haltung. Wer seine Abhängigkeiten kennt, Alternativen vorbereitet und Regeln als Teil seiner Infrastruktur begreift, kann in einer unruhigeren Welt bestehen und behält die Kraft, über Jahre hinweg zu wachsen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Stand vom 31. Oktober 2026 wieder. Die Thesen von Sarah Paine sind als ihre Auffassung wiedergegeben und beruhen auf ihrem Aufsatz in Foreign Affairs und dem genannten Podcast-Gespräch.