Schimpansen benutzen Werkzeuge. Sie knacken Nüsse mit Steinen, angeln mit Stöckchen nach Termiten und geben solche Techniken in ihrer Gruppe weiter. Trotzdem leben sie heute im Wesentlichen so wie vor Tausenden von Jahren. Der Mensch dagegen ist vom Faustkeil zum Satelliten gekommen und strebt seit geraumer Zeit ins Weltall. Woher kommt dieser Unterschied, wenn die Ausgangslage gar nicht so verschieden war?
Mit diesem Beitrag beginne ich die Serie „Evolution der Intelligenz“. Sie geht einer Frage nach, die mich seit dem Aufkommen leistungsfähiger KI-Systeme beschäftigt: Ist künstliche Intelligenz nur ein weiteres Werkzeug, oder entsteht hier Intelligenz, die sich unabhängig von ihrer biologischen Herkunft weiterentwickelt? Um das beurteilen zu können, muss man zuerst verstehen, was den Menschen eigentlich so erfolgreich gemacht hat. Meine Arbeitshypothese: Es war weniger das einzelne Gehirn als das System, in dem Wissen erzeugt, gespeichert, weitergegeben und Schritt für Schritt verbessert wird.
Inhalt
- Auch Schimpansen haben Kultur und Werkzeuge
- Nicht klüger, sondern sozialer: die Hypothese der kulturellen Intelligenz
- Der Wagenheber-Effekt: Wissen, das nicht zurückrutscht
- Lehren und Sprache: Weitergabe mit hoher Treue
- Das kollektive Gehirn: Gruppengröße und Vernetzung
- Schrift: der erste externe Speicher
- Was gesichert ist und was offen bleibt
- Ausblick: Wo künstliche Intelligenz in dieses Bild passt
- Was das für Unternehmer heißt
1. Auch Schimpansen haben Kultur und Werkzeuge
Zunächst ein Befund, der überrascht: Der Gebrauch von Werkzeugen und Traditionen sind keine menschliche Erfindung. Eine in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Auswertung von Andrew Whiten und Kollegen führte 1999 die sieben am längsten laufenden Feldstudien an Schimpansen zusammen, zusammen 151 Beobachtungsjahre. Das Ergebnis: 39 Verhaltensweisen, darunter der Gebrauch von Werkzeugen, Fellpflege und Balzverhalten, sind in manchen Gemeinschaften üblich und fehlen in anderen, ohne dass die Umwelt den Unterschied erklärt. Das ist Kultur im biologischen Sinn: Verhalten, das durch soziales Lernen weitergegeben wird.
Diese Kultur hat sogar eine Archäologie. Forscher um Julio Mercader fanden in der Elfenbeinküste bearbeitete Steine an Schimpansenplätzen, die rund 4.300 Jahre alt sind und Stärkereste tragen. Schimpansen knacken dort also seit Jahrtausenden Nüsse mit Steinen. Auf menschlicher Seite reichen die ältesten bekannten Steinwerkzeuge noch viel weiter zurück: Die Funde von Lomekwi 3 in Kenia sind etwa 3,3 Millionen Jahre alt. Wie sich die Technik von dort bis heute entwickelt hat, habe ich in einer Zeitreise durch die Meilensteine der technologischen Entwicklung nachgezeichnet.
Der Unterschied liegt also nicht darin, ob es Werkzeuge gibt. Er liegt darin, was über die Generationen mit ihnen geschieht. Die Nussknacktechnik der Schimpansen ist im Kern dieselbe geblieben. Die menschliche Technik hat sich immer weiter aufgeschichtet.
2. Nicht klüger, sondern sozialer: die Hypothese der kulturellen Intelligenz
Die naheliegende Erklärung wäre: Menschen sind einfach intelligenter. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat diese Annahme 2007 überprüft. Esther Herrmann, Michael Tomasello und Kollegen legten 106 Schimpansen, 32 Orang-Utans und 105 zweieinhalbjährigen Kindern eine umfangreiche Testbatterie vor. Die Kinder konnten noch nicht lesen und gingen noch nicht zur Schule.
Das Ergebnis, veröffentlicht in Science: Bei Aufgaben zur physischen Welt, also Raum, Mengen und Ursache und Wirkung, schnitten Kinder und Schimpansen sehr ähnlich ab. Bei Aufgaben zur sozialen Welt waren die Kinder beiden Menschenaffenarten deutlich überlegen: etwa beim Verstehen kommunikativer Hinweise, beim Lernen durch Beobachten, beim Folgen einer Blickrichtung und beim Erkennen dessen, was ein anderer vorhatte. Die Autoren sprechen von der Hypothese der kulturellen Intelligenz. Der Mensch hat danach vor allem besondere Fähigkeiten entwickelt, um an Wissen anderer teilzuhaben und es auszutauschen.
Ganz unumstritten ist dieser Befund nicht. Primatenforscher um Frans de Waal und Andrew Whiten wandten in einem Kommentar in Science ein, dass die Menschenaffen von Menschen getestet wurden, also von einer fremden Art, was sie gerade bei sozialen Aufgaben benachteiligen könne. Die Autoren der Studie hielten an ihrer Deutung fest. Die Grundrichtung, dass der Mensch vor allem im sozialen Lernen hervorsticht, wird aber auch von den folgenden Experimenten gestützt.
3. Der Wagenheber-Effekt: Wissen, das nicht zurückrutscht
Michael Tomasello hat für das Besondere an menschlicher Kultur ein anschauliches Bild geprägt: den „Ratchet Effect“, im Deutschen meist Wagenheber-Effekt genannt. Das englische „ratchet“ bezeichnet eine Ratsche mit Sperrklinke, die eine Verbesserung festhält, sodass die nächste darauf aufbauen kann, statt dass alles wieder zurückrutscht.
In einem Grundlagenaufsatz von Claudio Tennie, Josep Call und Michael Tomasello aus dem Jahr 2009 wird der Unterschied genauer beschrieben. Die Traditionen der Schimpansen bewegen sich danach in einer „Zone latenter Lösungen“: Es sind Verhaltensweisen, auf die einzelne Tiere grundsätzlich auch selbst kommen könnten. Schimpansen kopieren eher das Ergebnis als den Weg dorthin. Menschen dagegen achten stärker auf den Prozess, sie lehren aktiv, passen sich an Gruppenregeln an und sanktionieren Abweichungen. Erst dadurch häufen sich Veränderungen über Generationen an.
Ein Experiment von Lewis Dean, Kevin Laland und Kollegen macht das greifbar. Sie gaben Gruppen von Kapuzineraffen, Schimpansen und Kindern eine Puzzlebox, die sich in drei aufeinander aufbauenden Stufen lösen ließ. Bei den Schimpansen erreichte nach 30 Stunden nur eines von 33 Tieren die dritte Stufe. Bei den drei- bis vierjährigen Kindern schafften es nach nur zweieinhalb Stunden in fünf von acht Gruppen mindestens zwei Kinder. Entscheidend war, dass die Kinder einander mit Worten anleiteten, sich nachahmten und Belohnungen teilten.
4. Lehren und Sprache: Weitergabe mit hoher Treue
Kumulative Kultur funktioniert nur, wenn Wissen genau genug weitergegeben wird. Wer jedes Mal nur die Hälfte versteht, verliert über wenige Generationen mehr, als neu hinzukommt. Genau hier scheinen Lehren und Sprache den Unterschied zu machen.
In einem Experiment von Thomas Morgan und Kollegen lernten 184 Erwachsene in Ketten, Steinwerkzeuge im Stil des Oldowan herzustellen, einer der ältesten bekannten Steinwerkzeugtraditionen. Mal sahen sie nur zu, mal wurden sie angeleitet, mal durften sie sprechen. Die Weitergabe verbesserte sich mit Lehren und besonders mit Sprache, nicht aber mit bloßem Zuschauen. Die Autoren vermuten, dass geringe Weitergabetreue ein Grund dafür sein könnte, dass sich das Oldowan rund 700.000 Jahre kaum verändert hat. Das ist eine Deutung, kein Beweis, aber eine plausible.
Wie stark der Mensch auf diese Weitergabe angewiesen ist, zeigen Robert Boyd, Peter Richerson und Joseph Henrich am Beispiel gescheiterter Expeditionen. In ihrem Aufsatz über die kulturelle Nische des Menschen beschreiben sie die Franklin-Expedition von 1845, deren gut ausgerüstete Teilnehmer in der Arktis an Hunger und Skorbut starben, weil ihnen das lokale Wissen fehlte. Roald Amundsen dagegen verbrachte rund sechs Jahrzehnte später, 1903 und 1904, zwei Winter bei den Netsilik und lernte deren Techniken. Ihre Schlussfolgerung: Kein Mensch ist klug genug, um allein alles Wissen zu erwerben, das er zum Überleben braucht.
5. Das kollektive Gehirn: Gruppengröße und Vernetzung
Wenn Wissen in Gruppen entsteht, spielen Größe und Vernetzung dieser Gruppen eine Rolle. Joseph Henrich und Michael Muthukrishna sprechen vom „kollektiven Gehirn“. Innovation entsteht danach selten durch den einsamen Geniestreich, sondern durch Zufallsfunde, die Neukombination vorhandener Ideen und viele kleine Verbesserungen. Die Unterscheidung zwischen Erfindung, Entdeckung und Innovation ist dabei hilfreich: Eine Idee wird erst dann zur Innovation, wenn sie sich verbreitet.
Es gibt Belege für diesen Zusammenhang. Michelle Kline und Robert Boyd zeigten, dass Inselgesellschaften in Ozeanien mit kleinerer Bevölkerung weniger komplexe Fischfangtechnik besaßen. In einem Laborexperiment von Maxime Derex und Kollegen konnten größere Gruppen eine komplexe Aufgabe über mehrere Durchgänge erhalten und verbessern, kleine Gruppen nicht. Häufig angeführt wird auch der Fall Tasmanien, wo nach der Trennung vom Festland Techniken verloren gegangen sein sollen.
Hier ist Vorsicht geboten, denn die Frage ist wissenschaftlich offen. Krist Vaesen und Kollegen halten in einer Gegenstudie in PNAS die demografischen Modelle für nur unter unrealistischen Annahmen tragfähig und sehen Widersprüche zu archäologischen Daten. Eine weitere Studie von Derex und Boyd fügt einen interessanten Punkt hinzu: Vollständig vernetzte Gruppen kopieren schnell die erfolgreichste Lösung und verlieren dadurch Vielfalt. Teilweise vernetzte Gruppen fanden komplexere Lösungen. Nicht nur die Menge der Köpfe zählt also, sondern auch, wie sie verbunden sind.
6. Schrift: der erste externe Speicher
Lange Zeit war Wissen an lebende Menschen gebunden. Was niemand mehr wusste und niemand mehr vormachte, ging verloren. Mit der Schrift änderte sich das grundlegend. Zu den frühesten Schriftzeugnissen gehören Tontafeln aus dem mesopotamischen Uruk vom Ende des vierten Jahrtausends vor Christus, und sie sind bezeichnend nüchtern: Es sind überwiegend Verwaltungsaufzeichnungen. Eine in der Cuneiform Digital Library Initiative erfasste Tontafel aus der Zeit um 3200 bis 3000 vor Christus etwa verzeichnet rund 135.000 Liter Gerste, die über 37 Monate zu liefern waren.
Das ist mehr als eine historische Anekdote. Schrift entkoppelt Wissen vom Gedächtnis einzelner Personen. Sie macht Weitergabe über große Entfernungen und viele Generationen möglich und erlaubt es, Fehler nachzuprüfen und Ergebnisse zu vergleichen. In der Sprache dieser Serie ist Schrift die erste große Erweiterung des Systems, das Wissen speichert und weitergibt, außerhalb des Gehirns. Diese Einordnung ist meine eigene Deutung, sie liegt aber auf der Linie der hier vorgestellten Forschung.
7. Was gesichert ist und was offen bleibt
Ich fasse den Stand so zusammen, wie ich ihn nach der Durchsicht der Quellen verstehe. Gut belegt ist, dass Schimpansen Kultur und Werkzeuge haben, dass menschliche Kultur sich darüber hinaus über Generationen aufschichtet und dass soziale Fähigkeiten wie Lehren, Nachahmen und sprachliche Anleitung dabei eine zentrale Rolle spielen. Gut gestützt, wenn auch methodisch diskutiert, ist zudem der Befund, dass schon kleine Kinder Menschenaffen vor allem im sozialen Lernen übertreffen, weniger im Verständnis der physischen Welt.
Umstritten ist dagegen, wie groß die Rolle der Bevölkerungsgröße war und ob Schimpansen in begrenztem Umfang ebenfalls kumulative Kultur zeigen. Offen ist auch, in welcher Reihenfolge sich Sprache, Lehren und komplexe Technik entwickelt haben. Wer eine einzige Ursache für den Aufstieg des Menschen sucht, wird in dieser Forschung nicht fündig. Sie beschreibt ein Zusammenspiel.
8. Ausblick: Wo künstliche Intelligenz in dieses Bild passt
Damit sind wir bei der Leitfrage der Serie. Wenn das Besondere am Menschen ein System aus Erzeugen, Speichern, Weitergeben und Verbessern von Wissen war, dann lässt sich künstliche Intelligenz an genau diesen vier Funktionen messen. Heutige Sprachmodelle wurden mit großen Mengen menschlicher Texte trainiert. Sie sind also zunächst ein Produkt des kollektiven Gehirns und ein neuer, sehr leistungsfähiger externer Speicher.
Die eigentliche Frage ist, ob KI darüber hinausgeht: ob sie selbst neues Wissen erzeugt, es an andere Systeme weitergibt und sich dabei verbessert, ohne dass der Mensch jeden Schritt anstößt. Das ist keine ausgemachte Sache, und ich setze in dieser Serie ausdrücklich keine Superintelligenz als Tatsache voraus. Einen Überblick über die bisherige Entwicklung gibt mein Beitrag Künstliche Intelligenz: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, weitere Analysen sammle ich im Themenbereich Künstliche Intelligenz und Robotik. In Teil 2 prüfe ich, ob KI den beschriebenen Mechanismus unabhängig vom Menschen reproduzieren oder verbessern kann.
9. Was das für Unternehmer heißt
Die Forschung zur kumulativen Kultur ist keine Managementlehre. Einige Einsichten lassen sich aber nüchtern auf Unternehmen übertragen, weil auch ein Betrieb ein kleines System ist, in dem Wissen entsteht, gespeichert und weitergegeben wird.
Erstens: Der Vorsprung liegt selten im einzelnen Kopf. Wie die Puzzlebox-Kinder kommen Teams weiter, wenn sie einander anleiten und Ergebnisse teilen. Ein Betrieb, der von einem einzigen Wissensträger abhängt, gleicht einer kleinen, isolierten Gruppe: Fällt diese Person aus, droht Wissen verloren zu gehen. Besonders deutlich wird das beim Generationswechsel, über den ich im Beitrag zur Unternehmensnachfolge im Mittelstand geschrieben habe.
Zweitens: Weitergabe braucht Treue. Vormachen allein reicht oft nicht. Wer Abläufe erklärt, die Gründe dahinter benennt und das Wesentliche schriftlich festhält, sorgt dafür, dass die nächste Person darauf aufbauen kann, statt neu anzufangen. Dokumentation ist in diesem Sinn die Schrift des Unternehmens: eine Sperrklinke gegen das Zurückrutschen.
Drittens: Vernetzung, aber nicht Gleichschaltung. Der Austausch mit Kunden, Lieferanten, Fachleuten und anderen Unternehmern vergrößert das kollektive Gehirn eines Betriebs. Zugleich deutet die Studie zu teilweise vernetzten Gruppen darauf hin, dass es sich lohnen kann, Teams auch eigene Wege ausprobieren zu lassen, bevor alle der scheinbar besten Lösung folgen. Und schließlich: Wer KI-Werkzeuge einführt, sollte sich fragen, welche dieser Funktionen sie im eigenen Betrieb übernehmen sollen, nur Speichern und Finden oder auch Erzeugen und Verbessern. Genau diese Unterscheidung wird uns in den nächsten Folgen beschäftigen.
Serie: Evolution der Intelligenz, Teil 1 von 5
Hinweis: Dieser Beitrag gibt den Forschungsstand nach den verlinkten Quellen wieder (Stand 2. November 2026). Deutungen und Ausblick sind als meine Einordnung gekennzeichnet.
Alle Folgen im Überblick: Serie: Evolution der Intelligenz